Der Niederländer und sein Fahrrad: kein anderes Land auf der Welt wird so sehr mit dem Drahtesel in Verbindung gebracht wie die Niederlande. Es ist dann nur logisch, dass auch Touristen gerne so authentisch wie möglich das Land entdecken wollen. Hinzu kommt, dass der Öffentliche Nahverkehr nicht sehr günstig ist in den Niederlanden. Und mit einem Fahrrad ist man auch einfach flexibler.

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An dieser Stelle das „Aber“: aber, Fahrrad fahren in den Niederlanden wird von vielen Touris leider unterschätzt. Das ging mir am Anfang genauso. Ich war vor allem an Folgendes nicht gewöhnt:

1. Die Fahrgeschwindigkeit ist sehr hoch

Niederländer benutzen Fahrräder wirklich als Transportmittel. Fahrrad fahren ist also für viele die Möglichkeit, um morgens schnell zur Arbeit zu kommen und nicht um gemütlich in der Freizeit zu radeln. Das merkt man dann auch ziemlich schnell am Tempo. Hinter jeder Fahrrad Fahrt steckt ein Ziel und man weiß, dass der Fahrradfahrer es eilig hat. Der morgendliche Berufsverkehr war am Anfang eine Herausforderung für mich, weil es einfach sehr viele Radler gibt, die alle hektisch von A nach B rasen. Ich habe mich beim Abbiegen immer doppelt vergewissert, dass ich fahren kann, weil ich es nicht gewohnt war auf Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer gleichzeitig zu achten. Mittlerweile bin ich daran gewöhnt und rase selber wie eine gesengte Sau um noch pünktlich auf der Arbeit an zu kommen.

Tipps: Achte darauf immer so rechts wie möglich zu fahren. Dann können Fahrer, die schneller sind einfacher überholen. Vermeide den morgendlichen Berufsverkehr in Städten, vor allem zwischen 8 und 9 Uhr morgens und 4 – 6 Uhr abends.

2. Die Fahrräder sind anders

Wenn du in den Niederlanden Fahrrad fahren willst, leihst du dir wahrscheinlich eins aus. Beim Ausleihen, wirst du merken, dass die Räder ein wenig anders sind als in Deutschland. Die meisten Fahrräder haben – wenn überhaupt – 3 Gänge. Rücktrittsbremsen sind eher die Ausnahme. Viele Fahrräder sind auch schwerer als du es vielleicht aus Deutschland gewöhnt bist. Die Enden des Lenkers liegen vergleichsweise weit auseinander, wodurch du sehr aufrecht auf dem Fahrrad sitzt. Das finde ich zumindest sehr gut, weil: bessere Körperhaltung.

Niederländer benutzen keine Metallkörbe, wie es in Deutschland oft der Standard ist, sondern eher Körbe aus Plastik oder Holz. Ich vermute einfach, dass lackierte Holzkörbe und Plastik einfach regenresistenter sind. Der Korb ist eigentlich immer vorne angebracht. Ich habe seitdem ich hier wohne kein Fahrrad gesehen, dass hinten einen Gepäckträger hatte und dann darauf einen Korb. Gepäckträger scheinen sowieso an keinem niederländischen Rad zu existieren.

Tipp: Denke daran, dass du dich vielleicht erst an das neue Fahrrad gewöhnen musst und fahre zu Beginn eher zurückhaltend.

3. Rote Ampel? Interpretationssache!

Regeln? Nehmen die Niederländer manchmal nicht so genau. Warum an der roten Ampel warten, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist? Richtig, einfach weiterfahren.

Als meine Eltern zu Besuch waren haben wir uns natürlich Fahrräder geliehen. Wir waren den ganzen Tag unterwegs im Nationalpark und am Meer. Auf dem Heimweg standen wir an einer Kreuzung, um in die Altstadt von Haarlem zu radeln. Wir bekommen grün und fahren über die Kreuzung. Ich schaue mich nicht um, denn ich hatte ja grün und grün heißt ja bekanntlich gehen. Beinah über die Kreuzung crasht mich von rechts eine andere Fahrradfahrerin. Der Crash war echt mit Vollspeed. Wir haben uns beide nicht gesehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie rot hatte und über rot gefahren ist. Als ich irgendwie von ihr runter bin und wir unsere Fahrräder wieder aufgestellt hatten, kam erst der Adrenalinschock: oh mein Gott, ich hatte gerade meinen ersten Fahrradunfall. Und das ohne Helm. Wieder so was Niederländisches: hier trägt man keinen Helm.

Es war weiterhin nichts Schlimmes passiert, aber der Unfall hatte doch seine Wirkung. Ich gucke lieber nochmal, weil ich weiß, dass, mich eingeschlossen, sich nicht jeder an rote Ampeln hält. Übrigens: ganz so unschuldig bin ich nicht: ich war selbst auch mal schuld an einem beinah-Crash mit einer andere Fahrrad Fahrerin…

Tipp: Wie auch beim Autofahren: fahre zu Beginn lieber defensiv. Bloß weil du dich an die Verkehrsregeln hältst, kann es sein, dass jemand anders das nicht tut.

Abschließend hilft es dir vielleicht zu wissen, dass der Fahrradfahrer der König der Straße ist. Autofahrer beachten das sehr gut und man fühlt sich ziemlich sicher auf den niederländischen Straßen. Fußgänger wissen auch, dass Fahrradfahrer das Sagen haben. Meine Tipps helfen dir sicher durch den Verkehr zu kommen und ich rate dir erstmal defensiv zu fahren. Sobald du dich aber sicher fühlst, empfehle ich dir es den anderen Radlern gleich zu tun und die Straße für dich zu beanspruchen. Das hört sich vielleicht verwirrend an. Du wirst allerdings merken, dass der niederländische Verkehr total fahrradfreundlich ist und die Fahrradfahrer zentral stehen: vieles richtet sich nach ihnen. Und so trägst du auch dazu bei, dass keine Verunsicherungen oder Unfälle entstehen. Ein schüchterner Fahrradfahrer ist in den Niederlanden nämlich nur eins, und zwar ein Tourist.  

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